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Nürnberg

Mittwoch 15. Mai 2019 - 1. Reisetag

Nach einer mehrstündigen aber ruhigen Fahrt kamen wir gegen Abend in Nürnberg auf einem überraschend idyllischen Campingplatz in Mitten eines Waldes an.

Nun hiess es zum ersten Mal Wohnwagen parken, alles installieren und in Betrieb nehmen. Obwohl wir eigentlich das Gefühl hatten, bei der Wohnwagen-Übernahme beide tiptop aufgepasst zu haben, ist es doch nochmal etwas anders ob man nur zuschaut oder selbst Hand anlegt und das eine oder andere Fragezeichen wollte noch geklärt werden.  

Da das Wetter auch noch regnerisch-windig-kalt war, waren wir schliesslich froh, uns nach einer feinen Schweizer Cervelat vom Grill erschöpft von den ersten Eindrücken und der Reise unter unsere warmen Decken zu kuscheln!

Donnerstag 16. Mai 2019 - Bewilligung abholen und Erkundungsstour

Noch etwas groggy von unserer ersten Nacht im Wohnwagen machten wir uns am späteren Vormittag auf den Weg, unsere Bewilligung auf dem Liegenschaftsamt in Nürnberg abzuholen. 

Da es immer noch regnete und ein eisiger Wind wehte, beschlossen wir ohne unsere Instrumente im Gepäck los zu ziehen. 

Nachdem wir ein paar Minuten nach 11 Uhr (die Schweizer Pünktlichkeit lässt schon nach... ;-)  ) den Eingang zum Amt doch noch gefunden hatten, hielten wir kurz danach stolz unsere Bewilligung in den Händen. Der Beamte war super freundlich und so wie es schien auch froh, einmal deutsch sprechende und verständnisvolle Personen vor sich zu haben!

Ein paar witzige Anmerkungen von unserem Bandmitglied Martin zu den Auflagen der Bewilligung: 

  • Nicht gestattet ist der Einsatz von Tieren im Zusammenhang mit dem Musizieren. "In Bremen dürften auch Tiere Musik machen!"
  • Durch die Musikdarbietung darf der Fahr- und Fussgängerverkehr nicht beeinträchtigt werden. Der jeweilige Standplatz ist spätestens nach 30 Minuten zu wechseln (Mindestentfernung ca. 100 m). "Ich schlage vor, ihr macht nur Marschmusik. So seit ihr sicher nicht länger als 30 Minuten am selben Platz. Einfach beim Strassen überqueren aufpassen, dass der Verkehrt nicht zu lange anhalten muss!"

 Anschliessend nutzten wir die Gelegenheit, die Fussgängerzone nach guten Spielplätzen auszukundschaften und ein paar Kleinigkeiten einzukaufen.

 

Grundsätzlich sind wir positiv von der Stadt Nürnberg überrascht. Wir hatten uns im Vorfeld unseres Projektes mit Absicht nicht gross über die einzelnen Städte informiert. Es macht unglaublich Spass ohne Vorurteile die Stadt zu erkunden. In der Stadt Nürnberg sind noch viele alte Gebäude vorhanden, was der eher kleinen und übersichtlichen Stadt ein besonderes Flair gibt. Am meisten hat uns jedoch der gut erhaltene Teil des Reichsparteitagsgeländes aus der Nazi-Zeit überrascht, welcher etwas ausserhalb der Stadt im Südosten von Nürnberg und somit direkt in der Nähe unseres Campingplatzes liegt. Es stimmt schon sehr nachdenklich, wenn man dieses arenaartige Gelände vor sich hat...

 

Am Abend wurde dann im Wohnwagen nochmals etwas geübt, um bereit für unsere Feuerprobe am nächsten Tag zu sein!

Passend zum Wetter, und damit nicht schon in den ersten Tagen Heimweh aufkommt, endete der Tag mit einem feinen Raclette. :-)

Freitag 17. Mai 2019 - erste Auftrittserfahrungen

Nun galt es ernst - raus auf die Strassenbühne! 

Unser erster Standort war vom Vortag her schon klar und so ging es zügig nach unserer Ankunft an den ersten Aufbau und ans Spielen. Da Meli sich leider in den letzten Tagen noch eine Erkältung zugezogen hatte, liessen wir es ruhig angehen und spielten an zwei verschiedenen Standorten jeweils etwa eine Dreiviertelstunde.

Am meisten Mühe bereitete uns der Wind - immer wieder wurden die Noten unfreiwillig umgeblättert oder wir mussten aufpassen, nicht von unserem eigenen Banner erschlagen zu werden. Und dies trotz Vorsorge! Den vier Befestigungssteine aus der Schweiz sind unsere stetigen Reisebegleiter im Leiterwagen, bzw. auf den Bannerfüssen. Die optimale Positionierung, um komfortabel zu spielen und trotzdem unseren Banner nicht zu verdecken hatten wir noch nicht raus. Aber immerhin waren die Standplätze schon mal gar nicht so schlecht für's Erste! Prallvoll war die Kasse zwar noch bei weitem nicht - aber zumindest die Bewilligungskosten hatten wir mit diesem ersten Anlauf wieder eingespielt. Und ein erstes Engagements-Angebot hätten wir auch schon gehabt, würden wir uns öfters in der Umgebung von Nürnberg aufhalten: Eine Anfrage als Hochzeitsmusiker! Aber aus der Schweiz wäre dies dann leider doch etwas zu weit entfernt. ;-)

 

Eine erste spontane Begegnung mit einer echten Nürnbergerin durften wir auch schon erleben. Sie hatte uns auf dem Rad vorbeifahrend beim Musizieren entdeckt. Während unserem Sandwich-Mittagessen auf einer Parkbank hatte sie uns dann wieder erkannt und angesprochen. So verbrachten wir unsere Mittagszeit mit einem offenen Gespräch. Ruth* ist in Nürnberg aufgewachsen und ihr Alltag dreht sich vorwiegend um die liebevolle Versorgung ihres pflegebedürftigen Ehemannes. Einen Tag pro Woche nimmt sie sich jedoch die Freiheit ihren Mann fremd zu betreuen, um "raus zu kommen" und etwas Zeit für sich zu haben, sich etwas treiben zu lassen. So hatten wir die Ehre, ihren freien Tag zu bereichern. Total schön, dies von ihr zu hören! Und genau um solche Dinge geht es u.a. bei unserem Projekt: Menschen treffen, sie berühren, bereichern und zum Nachdenken anregen. Wir sind unglaublich dankbar und auch etwas überrascht, wie einfach der Zugang mit Hilfe von einer Geige, einer Gitarre und zwei Stimmen sein kann. Wow!

 

Abends wurde dann auf einer kleinen Jogging-Runde auch noch die Gegend ausgekundschaftet - wir haben mit unserem Camping-Platz wirklich eine gute Wahl getroffen! Ganz in der Nähe von ein paar wunderschönen grossen Teichen, ruhig gelegen und in der Nähe der S-Bahn, so dass wir trotzdem nur 10 Minuten Zugfahrt von der Stadt entfernt sind. 

Samstag 18. Mai 2019 - endlich Wärme und ein erster (Flip-) Flop

Zum ersten Mal ein richtig schön warmer, sonniger Tag! Deshalb zog es uns am Vormittag auch nicht in die Stadt, sondern wir liessen uns vor unserem Wohnwagen und auf einer Velotour durch die Umgebung die Sonne ins Gesicht scheinen. 

Da abends bei der Arena Nürnberger Versicherung - nur 5 Fussminuten von unserem Campingplatz entfernt - der Comedian Luke Mockridge auftrat, hatten wir zudem die Idee, statt in die Stadt zu fahren am frühen Abend beim Stadion zu spielen. Luke würde sicher viele Menschen anziehen und diese kämen dann auf dem Weg zum Stadion bei uns vorbei und könnten etwas ins Kässeli werfen.

So der Plan... Leider hatten wir uns mit unserem Zielpublikum schwer verschätzt! Luke's Publikum bestand zu einem Grossteil aus sehr jungen Leuten, welche überhaupt keine sichtbare Reaktion auf unsere Musik zeigten. Enttäuscht, dass unsere "gute Idee" doch nicht so gut war, trotteten wir wieder nach Hause...

Sonntag 19. Mai 2019 - herzhafte Begegnungen

Nach dem Flop vom Vortag waren wir umso motivierter, uns wieder im Stadtkern auf die Strasse zu begeben. Wir waren gespannt wie es wohl werden würde an einem Sonntag in der Einkaufszone: Wie viele Leute sind unterwegs, obwohl die Läden geschlossen sind? Wie sind diese Leute drauf, eher gemütlicher als unter der Woche und somit vielleicht etwas spendabler? 

 

Wir erlebten einen wunderschönen Sonntag in der Stadt: 

Bei strahlendem Sonnenschein und sehr warmen Temperaturen starteten wir unser Strassenmusik-Set. Unsere Auftritte waren nun optimiert. So wählten wir die Standorte nach dem optimalen Windschutz aus und positionierten uns so neben dem Banner, dass er lesbar blieb. 

Dies zahlte sich in mehreren Bereichen aus! Der Banner wurde reichlich von den Passanten gelesen und es wurde Geld locker gemacht :-). Wir wurden nicht mehr vom Banner erschlagen und fühlten uns daher auch um so wohler auf unserer "Bühne". Wir konnten mit der Musik Eins werden, was wiederum die Leute zum Anhalten, Klatschen und Staunen brachte. Wir haben heute einige Menschen berühren können - was uns wiederum auch berührt hat!

So lernten wir auch den Strassenmusiker Chris aus Kalifornien kennen. Er reist mit Gitarre und Mundharmonika durch das Land. Und etwas später beim Mittagessen (unser Mittagessen etabliert sich zum sozialen Netzwerk ;-) ) gesellten sich zwei einheimische Musiker zu uns.

Am eindrücklichsten war jedoch die Begegnung mit Urs*. Er war mit dem Rad in der Stadt unterwegs und blieb spontan bei uns stehen, bis zum Ende unseres Auftrittes. Da er selber nicht viel Geld besitzt, ist er extra nach Hause geradelt, um uns Anstelle von Geld ein selbst gemachtes Früchtebrot (das übrigens unschlagbar lecker ist!) zu schenken. Als Dank für unsere berührende Musik, was sein heutiges Tageshighlight war.

Unglaublich schön, diese Geste! 

Montag 20. Mai 2019 - Regeln haben auch ihr Gutes ;-)

Obwohl der Montag ausschliesslich Regen voraussagte, zog es uns noch einmal in die Stadt um Musik zu machen. Schliesslich war heute unser letzter Tag in Nürnberg und nach unserem Erfolg am Sonntag wollten wir unbedingt da anknüpfen. 

Der Standort war für uns bereits bei der Hinfahrt klar. Wir wollten wieder zu unserem wind- und regengeschützen Lieblingsplatz von gestern in mitten der Fussgängerzone. War ja klar, dass dieser begehrte Platz bereits besetzt war, als wir nach dem Mittag eintrafen! So marschierten wir zuerst zum Wochenmarkt, um frisches Brot und Gemüse zu kaufen. 

Als derselbe Akkordeonspieler sich nach über einer Stunde immer noch an unserem Lieblingsplatz aufhielt, machte ihn Meli freundlich auf die hiesigen Strassenmusikregeln aufmerksam. Wie sich dann im Gespräch auf Französisch herausstellte, konnte der Rumäne die auf deutsch geschrieben Regeln gar nicht lesen und kannte somit die Regeln auch nicht. Nach einer kurzen Erklärung unserseits willigte der Rumäne zu einer musikalischen Pause ein und wir bauten unsere Strassenbühne freudig auf. Tja, mittlerweile finden wir die Regeln bezüglich Strassenmusik gar nicht mehr so doof... ;-)

 

Trotz leichtem Regen versammelten sich wieder einige Leute um uns, klatschten, sangen, sprachen uns an und legten ein paar Euros in unseren Gitarrenkoffer. 

Nach einem längeren Gespräch mit einem einheimischen pensionierten Musik- und Sportlehrer, zog es uns dann aber nach Hause. Der Regen war mittlerweile so stark geworden, dass wir nur noch ab in den gemütlichen Wohnwagen wollten. Auf dem Campingplatz wurden wir dann neben einem leicht überschwemmten Platz auch noch von Urs überrascht. Er war den ganzen Tag mit Brot backen beschäftigt gewesen und da er gleich um die Ecke unseres Campingplatzes wohnte, brachte er uns spontan ein noch warmes Brot vorbei. Der Gute war bei diesem "Hudelwetter" mit dem Velo unterwegs und als er bei uns ankam völlig durchnässt. So luden wir ihn auf ein Kaffee ein. Schliesslich blieb er noch zum Nachtessen und wir verbrachten einen interessanten und lustigen Abend mit ihm. Dabei entstand auch der Spruch des Abends: "Schatz, leg dich mal auf die Saiten!" (siehe Bild unten, 2. von links). 


Ach, und übrigens: Wir hatten wohl den schönsten Nachhauseweg den man sich wünschen kann: Mitten durch den Wald!

 

Was uns allgemein sehr überrascht ist, wie viel positives Feedback wir bekommen zu unserer berührenden melancholischen Musik. Denn wir waren zuerst etwas unsicher, wie unser eher melancholisches Strassenmusik-Set bei den Menschen ankommen wird. 

Aber einmal mehr bewahrheitet sich, dass was von Herzen kommt auch zu Herzen geht! DANKE Nürnberg!

*Name der Redaktion bekannt

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Kommentare: 1
  • #1

    Priska (Dienstag, 21 Mai 2019 22:18)

    So toll gschriene euche Blog. Ich finds toll wie ihr zwei das meischteret. Freu mich jetzt scho uf ganz vieli Gschichtli vo Euch.
    Liebe Gruess